Zwei Prozent (Satirisches Lied)

Zwei Prozent (Satirisches Lied)

Review

Satirische Auseinandersetzung mit den Argumenten der Befürworter des "Zwei-Prozent-Ziels" für die Militärausgaben.

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Lyrics

Haben Sie doch sicher auch schon von gehört:
NATO-Gipfel Wales, zwei Prozent Ziel für Verteidigung.1)

Was? Nein, nicht vom Bundeshaushalt. Davon wäre das ein Fünftel.

Auch nicht in Bezug zum jetzigen Etat: fast verdoppelt, das wär gar nicht zu vermitteln!

Deshalb nehmen wir das Bruttoinlandsprodukt als Bezugspunkt:

so sind das nur zwei Prozent und das ist doch fast gar nichts.

Und Sie können ohne Sorge sein: die schwarze Null bleibt davon unberührt,

Es gibt weder neue Schulden noch erhöhte Steuern.

Wo das Geld dann herkommt? Na, da müssen Sie schon selbst drauf kommen.

Von mir werden Sie es nicht erfahren. Aber es geht doch auch nur um...

Zwei Prozent, das ist doch nicht viel / Das zu erreichen kann doch nicht schwer sein.

Zwei Prozent, so lautet das Ziel / Das muss Ihnen doch die Verteidigung wert sein.

Gegen wen wir uns verteidigen müssen? Lesen Sie denn keine Zeitung?

Gegen den Russen natürlich, den Iwan Iwanowitsch!
2)
Sind Sie etwa noch dem alten Vorurteil verhaftet,

dass der Russe gerne trinkt und rührselige Lieder singt?
3)
Na, dann sollten Sie den Tatsachen ins Auge sehn:

Der Russe ist ein Bär und gefräßig! Unser Königsberg hat er schon verschluckt!

Und jetzt die Krim! Und als nächstes vielleicht die Balten...

Das soll paranoid sein? 
Na, sagen Sie das mal den Balten! Die kennen ihre alten Unterdrücker!
4)
Da ist noch eine Rechnung offen. Und die fühlen sich bedroht.

Das sind jetzt Verbündete! Wollen sie die denn im Stich lassen?

Und sind nicht einmal bereit zu...

Zwei Prozent, das ist doch nicht viel / Das muss Ihnen doch die Verteidigung wert sein.

Ja, ja, ja, die SIPRI Zahlen. Mag ja sein, das wir den Russen zwölffach überlegen sind.5)

Trotzdem können wir das Baltikum nicht halten.

Denn da ist nun mal ein Vakuum, das müssen wir mit unsern Truppen füllen.6)

Und Deutschland hat sich schon bereit erklärt als Speerspitze voranzugehn!
7)
Alte Tradition gewissermaßen...

Na, na, na, nun regen Sie Sich nicht gleich auf: Mit der Tradition, war doch nur ein Sche-herz!

Ja, ich weiß dass Russland den Verteidigungsetat um 10% gekürzt hat.8)

Da sehn Sie mal wie hinterhältig dieser Russe ist:

will der uns doch glatt in eine Abrüstungspirale locken.

Da müssen wir entscheiden gegenhalten und mehr für die Verteidigung tun:

Zwei Prozent, so lautet das Ziel / Das muss Ihnen doch die Verteidigung wert sein.

Apropos Verteidigung: auch ein Lebensstandard will verteidigt sein!
9)
Ja, was meinen Sie denn, wo das Palmöl herkommt für Nussnougatcreme?

Oder für Ihr Handy das Coltan? Na? Da geht’s ans Eingemachte!

Wie? Die Afrikaner würden das auch so verkaufen? Na, da wär ich mir mal nicht so sicher.

Und selbst, wenn: die kommen manchmal auf so komische Ideen wie Verstaatlichung.

Wer verdient denn dann noch dran? Bestimmt nicht mehr Sie als Investor!

Und da kommt der Russe wieder mal ins Spiel: BRICS.10)

Gut, das „B“, das ist jetzt ausgeschaltet11), aber mit dem „R“ und „C“, da geht das nicht so leicht.

Wenn der Afrikaner andere Optionen hat als IWF und Weltbank, tja, dann gibt es ein Problem.
12)
Nur mit der Entwicklungshilfe werden Sie allein nicht überzeugen:

Zum Zuckerbrot gehört auch die Peitsche. Und die ist nicht umsonst zu haben:

Zwei Prozent, so lautet das Ziel / Das muss Ihnen doch Ihre Sicherheit wert sein.

Ach, was was rede ich denn überhaupt mit Ihnen,

wo es doch auf Ihre Meinung gar nicht ankommt. Was heißt hier: „Demokratie“?

Sie haben wohl das Wesen unseres Staatssystems nicht ganz verstanden:

Die Bevölkerung ist nicht entscheidend, sondern die Repräsentanten!
13)
Und die sind sich alle der Verantwortung bewusst. Ist Ihnen wohl gar nicht aufgefallen,

dass im letzten Wahlkampf alle Seiten dieses Thema nie erwähnten?
14)
Das ist nämlich viel zu wichtig, als dass die Bevölkerung da mitentscheiden darf.

Hinterher stellt da noch jemand dumme Fragen, wo denn die Milliarden abgezogen werden.

Oder es fällt auf, dass all das Rüsten nicht die Sicherheit erhöht,

sondern ganz im Gegenteil das Risiko.

Aber da bin ich ganz unbesorgt: Das wird nie jemand erwähnen.

Zwei Prozent, das ist unser Ziel / Und dessen Durchsetzung wird wie im Flug sein.

Zwei Prozent, das ist zwar recht viel / Doch für die Sicherheit kann's nie genug sein!

Erläuterungen

1) Auf dem NATO-Gipfel in Wales 2014 verpflichteten sich die NATO-Mitglieder zu Militärausgaben von mindestens zwo Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Weil die Befürworter dieses Ziels absolute Angaben und einen Bezug zum Bundeshaushalt vermieden, seien die Zahlen für das Jahr 2015 hier angegeben: BIP = 3.043,65 Mrd €, 2% davon = 60,87 Mrd €, Bundeshaushalt = 299,1 Mrd €, Wehretat = 32,97 Mrd €. Die Forderung nach „zwei Prozent vom BIP“ entspricht also fast einer Verdoppelung der Rüstungsausgaben und einem Anstieg auf etwa 20% (ein Fünftel) des Bundeshaushalts. Begründet wurde dies offiziell damit, dass Russland eine „Bedrohung für die euroatlantische Sicherheit“ sei, der mit militärischen Mitteln begegnet werden müsse (Rolf Clement: „NATO-Gipfel Wales: Vom Versuch, Stärke zu zeigen“, DLF am 03.09.2014).

2) Iwan Iwanowitsch (1554-1581), Zar von Russland, genannt „der Schreckliche“

3) „ZDF Anchorman“ Claus Kleber bedauerte in seiner Moderation des Heute-Journals vom 07.09.2018 eine seiner Ansicht nach nicht ausreichend antirussische Einstellung in der deutschen Bevölkerung: „Krim-Annexion, schlimme Zustände bei Menschenrechten und Pressefreiheit und so weiter und trotzdem gibt es in Deutschland ungebrochen ein Gefühl der Nähe, der Verbundenheit mit Russland, das Krisen übersteht und nicht restlos mit Logik zu erklären ist.“

4) Bereits Peter Scholl-Latour (1924-2014) wies in Büchern und Interviews immer wieder darauf hin, dass durch die NATO-Aufnahme von Ländern mit weit verbreiteten antirussischen Stimmungen wie Polen oder den baltischen Staaten eine friedliche Kooperation mit Russland verhindert wird.

5) Gemäß den Zahlen des Stockholmer Instituts SIPRI sind die Militärausgaben der NATO-Staaten bereits über einen langen Zeitraum mehr als zwölfmal so hoch wie die der Russischen Föderation.

6) Die NATO-Russland Grundakte verbietet die dauerhafte Stationierung von Kampftruppen an der NATO-Ostgrenze. Die NATO ist der Auffassung, dass diese Bestimmung durch eine List umgangen werden kann: die Truppen seien zwar permanent präsent, aber die beteiligten Soldaten werden regelmäßig ausgetauscht (dpa Meldung „Bundeswehr ein Jahr an der NATO-Ostflanke“ im Handelsblatt vom 27.01.2018).

7) In „Die Welt“ vom 15.11.2015 schrieben S. Booten und C.B. Schiltz, dass die Bundeswehr die „Speerspitze“ der gegen Russland gerichteten „schnellen Eingreiftruppe“ der NATO bildet.

8) Während Lorenz Hemicker in der FAZ vom 24.03.2017 unter Berufung auf die „Londoner Denkfabrik IISS“ von einer 10%-igen Kürzung berichtet, weisen die vom Stockholmer Institut SIPRI veröffentlichten Zahlen sogar einen Rückgang zwischen 2016 und 2017 um 17% aus.

9) Bereits zur Zeit der Gründung der NATO wurde dieses Anliegen in der Policy Planning Study 23 der USA vom 28.02.1948 klar formuliert: „Wir besitzen etwa 50% des Reichtums dieser Welt, stellen aber nur 6,3% der Bevölkerung. [...] In einer solchen Situation kommen wir nicht umhin, Neid und Missgunst auf uns zu lenken. Unsere eigentliche Aufgabe in der nächsten Zeit besteht darin, eine Form von Beziehungen zu finden, die es uns erlaubt, diese Wohlstandsunterschiede ohne ernsthafte Abstriche an unserer nationalen Sicherheit beizubehalten.“ Und Patrick Keller von der Konrad-Adenauer-Stiftung schrieb im Research Paper der NATO Nr. 43 vom November 2008: „Im weitesten Sinne ist die NATO heute die Schutzmacht der Globalisierung.“

10) „BRICS“ steht für die Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrike, die 2014 eine „New Development Bank“ gegründet haben, die Entwicklungsprojekte finanzieren soll.

11) Mit zweifelhaften legalen Begründungen wird die gewählte brasilianische Präsidentin Rousseff 2016 des Amtes enthoben. Der Vorgang wird von vielen Beobachtern als „kalter Putsch“ bezeichnet (z.B. Jens Glüsing am 01.09.2016 bei Spiegel Online).

12) Westliche Interessenvertreter unterstellen insbesondere China, genau dieselben Absichten zu verfolgen wie sie selber über die von EU und USA dominierten IWF und Weltbank. So schreibt Jörn Petring in der WZ vom 02.09.2018: „Kritiker mahnen dagegen, dass die Projekte zu einer Schuldenfalle für beteiligte Staaten werden könnten, die so abhängiger von China würden.“ Demgegenüber beschriebt Yash Tandon aus afrikanischer Sicht seine Erfahrungen in „Handel ist Krieg“ (Quadriga 2014): „Aus meiner Erfahrung mit zahlreichen Organisationen der globalen Governance - Vereinte Nationen, WTO, WIPO und andere - heraus gibt es deutlich Anzeichen dafür, dass China und Indien (und auch Russland) auf der Basis von 'Solidarität' mit afrikanischen Nationen handeln. Auf ihre eigene Weise sind China, Indien und Russland ebenfalls 'revisionistische' Staaten (wie wir den Begriff in einem früheren Kapitel definiert haben); wie Afrika wollen auch sie die globale Ordnung verändern. In diesem Sinne stehen sie auf der gleichen Seite der Trennlinie zwischen dem Westen und dem Rest der Welt.“

13) Dazu sagte Bundeskanzlerin Merkel am 03.03.2010 bei der Vorstellung des Allensbacher Jahrbuchs der Demoskopie: „Wir können im Rückblick auf die Geschichte der Bundesrepublik sagen, dass all die großen Entscheidungen keine demoskopische Mehrheit hatten, als sie gefällt wurden. Die Einführung der Sozialen Marktwirtschaft, die Wiederbewaffnung, die Ostverträge, der Nato-Doppelbeschluss, das Festhalten an der Einheit, die Einführung des Euro und auch die zunehmende Übernahme von Verantwortung durch die Bundeswehr in der Welt – fast alle diese Entscheidungen sind gegen die Mehrheit der Deutschen erfolgt. Erst im Nachhinein hat sich in vielen Fällen die Haltung der Deutschen verändert. Ich finde es auch vernünftig, dass sich die Bevölkerung das Ergebnis einer Maßnahme erst einmal anschaut und dann ein Urteil darüber bildet. Ich glaube, das ist Ausdruck des Primats der Politik. Und an dem sollte auch festgehalten werden.“

14) In einem Gastbeitrag für Zeit Online am 14.02.2017 behaupteten Simon Vaut vom Atlantik Forum bzw. Global Bridges und Jörg Forbrig vom German Marshall Fund ohne Belege, dass es eine russische Einmischung in den deutschen Wahlkampf gebe. Als „Abwehrstrategie“ verlangten sie eine Übereinkunft aller Parteien, die Außenpolitik im Wahlkampf nicht zu thematisieren.